Schlagwort: Rilke

  • Träume scheinen mir wie Orchideen

    Träume scheinen mir wie Orchideen

    Der Träumer


    I

    Es war ein Traum in meiner Seele tief.
    Ich horchte auf den holden Traum:
    ich schlief.
    Just ging ein Glück vorüber, als ich schlief,
    und wie ich träumte, hört ich nicht:
    es rief.

    II

    Träume scheinen mir wie Orchideen. –
    So wie jene sind sie bunt und reich.
    Aus dem Riesenstamm der Lebenssäfte
    ziehn sie just wie jene ihre Kräfte,
    brüsten sich mit dem ersaugten Blute,
    freuen in der flüchtigen Minute,
    in der nächsten sind sie tot und bleich. –
    Und wenn Welten oben leise gehen,
    fühlst dus dann nicht wie von Düften wehen?
    Träume scheinen mir wie Orchideen.

    Rainer Maria Rilke, 1895
    Aus der Sammlung Larenopfer

    Die Gattung Phalaenopsis gehört zur Familie der Orchideen (Orchidaceae) und umfasst eine Vielzahl exotischer Arten. Der botanische Name leitet sich von den griechischen Wörtern phalaina (φάλαινα; dt. „Nachtfalter“) und opsis (ὄψις; dt. „Anblick“) ab. Die Blüten erinnern an tropische Nachtfalter. Im deutschen Sprachraum werden diese Orchideen auch Schmetterlingsorchidee oder Nachtfalter-Orchidee genannt.

  • Wie das Gestirn, der Mond, erhaben, voll Anlass

    Wie das Gestirn, der Mond, erhaben, voll Anlass

    Der Mond über München am 27.2.2021 um 20 Uhr 33.

    Wie das Gestirn, der Mond, erhaben, voll Anlass,
    plötzlich die Höhn übertritt, die entworfene Nacht
    gelassen vollendend: siehe: so steigt mir
    rein die Stimme hervor aus Gebirgen des Nichtmehr.
    Und die Stellen, erstaunt, an denen du dawarst und fortkamst,
    schmerzen klarer dir nach.

    Rainer Maria Rilke, Gedichte 1906 bis 1926.

    Technisch gibt es ganz sicher bessere Bilder vom Mond und diese lassen sich im Internet leicht auffinden. Es ist aber etwas anderes, wenn man das entstehen eines Bildes selbst erlebt. Die Handlung des Fotografierens endet, doch die Erinnerung an dieses bildnerische Handeln bleibt, wenn auch manchmal unbewusst, und lebt unsichtbar im Bild weiter, so lange ich dieses Bild mit meinen Augen sehe. Und „so steigt mir rein die Stimme hervor aus Gebirgen des Nichtmehr“.

    Ich war bei der Aufnahme nicht allein, damit sind es zwei Stimmen. Es war eine ungewöhnlich klare Vollmondnacht über dem hell erleuchteten Stadthimmel von München.

  • Heimgarten in den Bayerischen Voralpen

    Heimgarten in den Bayerischen Voralpen

    Vorfrühling

    Härte schwand. Auf einmal legt sich Schonung
    an der Wiesen aufgedecktes Grau.
    Kleine Wasser ändern die Betonung.
    Zärtlichkeiten, ungenau,
    greifen nach der Erde aus dem Raum.
    Wege gehen weit ins Land und zeigen’s.
    Unvermutet siehst du seines Steigens
    Ausdruck in dem leeren Baum.

    Rainer Maria Rilke (1875 – 1926)

    Es wird Frühling in den Vorbergen. Vom Bahnhof in Ohlstadt über das Rauheck zum Gipfel des Heimgarten in den Walchen- und Kochelseebergen der Bayerischen Voralpen. Mit seinen 1792 m ein herrlicher Aussichtsberg mit Blick auf das Murnauer Moos, den Kochel- und Walchensee und in grandioser Breite das Karwendelgebirge.

    Nur ein paar Tage vorher war der Gipfel ganz in Nebel verhüllt, und mein Weg führte über den Berg zum Kaltwasserfall mit viel Nebelzeit zum Rasten und Nachdenken.

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