Träume scheinen mir wie Orchideen

Der Träumer
I

Es war ein Traum in meiner Seele tief.
Ich horchte auf den holden Traum:
ich schlief.
Just ging ein Glück vorüber, als ich schlief,
und wie ich träumte, hört ich nicht:
es rief.

II

Träume scheinen mir wie Orchideen. –
So wie jene sind sie bunt und reich.
Aus dem Riesenstamm der Lebenssäfte
ziehn sie just wie jene ihre Kräfte,
brüsten sich mit dem ersaugten Blute,
freuen in der flüchtigen Minute,
in der nächsten sind sie tot und bleich. –
Und wenn Welten oben leise gehen,
fühlst dus dann nicht wie von Düften wehen?
Träume scheinen mir wie Orchideen. –

Rainer Maria Rilke, 1895
Aus der Sammlung Larenopfer

Die Gattung Phalaenopsis gehört zur Familie der Orchideen (Orchidaceae) und umfasst eine Vielzahl exotischer Arten. Der botanische Name leitet sich von den griechischen Wörtern phalaina (φάλαινα; dt. „Nachtfalter“) und opsis (ὄψις; dt. „Anblick“) ab. Die Blüten erinnern an tropische Nachtfalter. Im deutschen Sprachraum werden diese Orchideen auch Schmetterlingsorchidee oder Nachtfalter-Orchidee genannt.

Tulipa

Lichtmomente als Gastgeschenk, am Frühstückstisch und im Garten. Tulpen, Botschafter für den Frühling. In den südlichen Bergen fiel über ein Meter Schnee. Die Nacht war lang. Kein Weg führt hinaus. Für einen Augenblick fällt ein Sonnenstrahl auf die Fensterbank. Hinterglasmalerei. Nur wenige Meter von meinem Schreibtisch, ein gelbes Herzband fesselt den Augenblick.

Der Name Tulpe (lateinisch Tulipa) geht über türkisch tülbend auf persisch دلبند / delband zurück und bedeutet auf persisch „Geliebte/r“ („del“/دل = Herz; „band“ von „bastan“بستن = (zu)binden).

Wie das Gestirn, der Mond, erhaben, voll Anlass

Wie das Gestirn, der Mond, erhaben, voll Anlass,
plötzlich die Höhn übertritt, die entworfene Nacht
gelassen vollendend: siehe: so steigt mir
rein die Stimme hervor aus Gebirgen des Nichtmehr.
Und die Stellen, erstaunt, an denen du dawarst und fortkamst,
schmerzen klarer dir nach.

Rainer Maria Rilke, Gedichte 1906 bis 1926.

Der Mond über München am 27.2.2021 um 20 Uhr 33.

Technisch gibt es ganz sicher bessere Bilder vom Mond und diese lassen sich im Internet leicht auffinden. Es ist aber etwas anderes, wenn man ein Bild selbst macht. Die Handlung des Fotografierens selbst endet, aber die Erinnerung daran bleibt, und ist unsichtbar im Bild, so lange ich es mit meinen Augen sehe. Und „so steigt mir rein die Stimme hervor aus Gebirgen des Nichtmehr„.

Ich war bei der Aufnahme nicht allein, und so sind es schon zwei Stimmen. Es war eine ungewöhnlich klare Vollmondnacht über dem hell erleuchteten Stadthimmel.

Heimgarten in den Bayerischen Voralpen

Vorfrühling

Härte schwand. Auf einmal legt sich Schonung
an der Wiesen aufgedecktes Grau.
Kleine Wasser ändern die Betonung.
Zärtlichkeiten, ungenau,
greifen nach der Erde aus dem Raum.
Wege gehen weit ins Land und zeigen’s.
Unvermutet siehst du seines Steigens
Ausdruck in dem leeren Baum.

Rainer Maria Rilke (1875 – 1926)

Es wird Frühling in den Vorbergen. Vom Bahnhof in Ohlstadt über das Rauheck zum Gipfel des Heimgarten in den Walchen- und Kochelseebergen in den Bayerischen Voralpen. Mit seinen 1792 m ein herrlicher Aussichtsberg mit Blick auf das Murnauer Moos, den Kochel- und Walchensee und in grandioser Breite das Karwendelgebirge.

Nur ein paar Tage vorher war der Gipfel ganz in Nebel verhüllt, und mein Weg führte über den Berg zum Kaltwasserfall mit viel Zeit zum Rasten und Nachdenken.