Schlechtes Wetter gibt es nicht

Seltene Eisnadeln nach Sturmtief in zu warmem Winter, Neureuth, Februar 2020

Wie oft bin ich nun schon auf den Neureuth gestiegen? Ich weiss es nicht. Vielleicht 50 mal, wann immer die Arbeit keine Tagestour zuließ ging es zum Kaffee und Kuchen hier hinauf, für ein paar Stunden mit Zug und Fuß von München nach Gmund, der Neureuth und dann wieder hinab zum Tegernsee, zurück ins Büro. Und natürlich nur, wenn das Wetter nicht zu viel Sonne versprach, sonst wird es hier oben leicht etwas eng. So auch diesmal, das Sturmtief Sabine vergönnt sich eine Atempause. Ich brauch Luft zum Atmen. Nasser Schnee drückt die Zweige nieder, und umklammert die Stämme bis tief in den Wald hinein. Es gibt viel zu sehen, manches gar neu und noch nie so wahrgenommen. Es gibt immer etwas zu entdecken. Ich bin selbst erstaunt, immer wieder, auch diese Einsicht. Deshalb bin ich hier. Die eigenen Blicke verkleiden sich kunstvoll in neue Sichtweisen. Es tut einfach nur gut.

Schnee bis tief in den umgestürtzten Wald hinein, Neureuth, Februar 2020

Pathos München – Episode I

Kunst und Natur in der Wildnis Stadt.

Wanderung in einem Übergangsort.

Ordnungskräfte einer ganz anderen Art bestimmen den Weg auf einer Fläche, deren Zukunft bereits zu Ende geht. Jeder menschliche Beitrag ist von Anfang an vergänglich und gleicht sich dem konventionellen Nicht – Wert von Natur an. Kunst, die für kein Museum bestimmt ist, keinen Sammlerwert darstellt, kein Künstlerhaus am Leonrodplatz finden wird. Sie entsteht und vergeht zuzsammen mit wilden Samen, die den Boden aufbrechen. Bildungsversuche einer etwas anderen Ästhetik. Blattlose Zweige sind die einzigen Zeugen an einem kalten Februar morgen. Es ist mir kalt. Bald werde ich unterkühlt nach hause gehen. Die Kamera in der Hand. Etwas bewegt mich. Es war ein ungeplanter Versuch und ich frage mich, was ist das, was mich an diesem Ort berührt. Die Liebe zur Natur ist auch hier zu Hause. Wie kann das sein? Ist es das nicht untergehen wollen? Die wilde Nähe von Kultur und Natur jenseits der Ordnung für alles andere was nicht lebt.

Ein Buch ohne Ende

Ein Buch ohne Ende, Ostersee, Januar 2020

Zwischen zwei Bahnhöfen in Serpentinen über Wiesen, an Ufern und durch Wälder spaziert. Ungewöhnlich warm für diese Jahreszeit. Ich lass mir Zeit, schaue und warte auf das schönste Licht. Nur wenige Leute sind auf dem Weg. Dann mit dem Zug in die Dunkelheit zurück.

„Der Wald ist kein verschlossenes Buch, wohl aber ein Buch ohne Ende. Seine Sprache ist leicht verständlich, sie redet schlicht und warm zu unserm Herzen, wir brauchen ihr nur zu lauschen und das Herz nur offenzuhalten.“

Ludwig Ganghofer, Bergheimat, posthum 1933

Aus dem Nichts

Aus den Nichts, Ostersee, 16.1.2020

Rückkehr ist Taos Bewegnis

Schwachsein ist Taos Gepflegnis

Alle Wesen entstehen aus dem Sein

Das Sein entsteht aus dem Nichts

Tao Te King, Lao-Tse (um 350 v. Chr.)

Der weite Weg

Der weite Gipfel. Auf dem Weg zum Hischberg (1670 m) im Mangfallgebirge, Bayerische Voralpen.

Auf dem Weg auf den Berg denke ich über den Weg auf den Berg nach, und über die Weite, und es ist gut so, bis ich oben bin. Dann geht es wieder hinunter in das Tal ohne dass ich zurück denke.

Am 9.1.2020 auf den Hirschberg (1670 m) im Mangfallgebirge. Bei herrlichem Wetter ganz allein auf dem Gipfel. Ein ungewöhnlicher warmer Wintertag. Weit oben wird es ganz weit, ich kann es kaum glauben, auch wenn ich schon so oft hier war, es ist jedesmal neu.

Baumzweige im Schne. Auf dem Weg zum Hischberg (1670 m) im Mangfallgebirge, Bayerische Voralpen.

In Gmund am Tegernsee warte ich auf den Zug nach München. Wie anders sieht der Berg von hier unten aus. Ein freundlicher Autofahrer hat mich von der Bushaltestelle in Scharling hier her gebracht. Das kommt nur noch selten vor. Viel zu früh für den Zug, gehe ich hinab ans Seeufer. So ist es, wenn man wartet.

Ganz anders zeigt sich der Berg von hier. Der Hiscrhberg von Gmund am Tegernsee aus gesehen, 9.1.2020

Warum ich Philosophie studiere?

„Dschuang Dsi ging einst mit Hui Dsi spazieren am Ufer eines Flusses. Dschuang Dsi sprach: »Wie lustig die Forellen aus dem Wasser herausspringen! Das ist die Freude der Fische.« Hui Dsi sprach: »Ihr seid kein Fisch, wie wollt Ihr denn die Freude der Fische kennen?« Dschuang Dsi sprach: »Ihr seid nicht ich, wie könnt Ihr da wissen, dass ich die Freude der Fische nicht kenne?« Hui Dsi sprach: »Ich bin nicht Ihr, so kann ich Euch allerdings nicht erkennen. Nun seid Ihr aber sicher kein Fisch, und so ist es klar, dass Ihr nicht die Freude der Fische kennt.« Dschuang Dsi sprach: »Bitte laßt uns zum Ausgangspunkt zurückkehren! Ihr habt gesagt: Wie könnt Ihr denn die Freude der Fische erkennen? Dabei wußtet Ihr ganz gut, dass ich sie kenne, und fragtet mich dennoch. Ich erkenne die Freude der Fische aus meiner Freude beim Wandern am Fluß.


Zhuāngzǐ, * 365 v. Chr.; † 290 v. Chr.

Die Hälse werden im Gebirge frei

Conturines I, 30.12.2019

Die Hälse werden im Gebirge frei! Es ist ein Wunder, dass wir nicht singen.

Franz Kafka, Der Ausflug ins Gebirge, 1913

Alles bleibt zurück, wenn niemand mehr ist. Das Laufen in die Dunkelheit wird zum lichtenden Weg.

Alles bleibt zurück, wenn nichts mehr ist. Nur du, stiller Gefährte, mit lautlosen Spuren, folgst mir auf diesen steilen Wegen.

Hinauf und hinab, ich danke dir.

Warum steigt man auf die Berge

Durch das Valun Blanch zum Castello, 1.1.2020
Durch die Gran Fanes zum Col de Locia, 30.12.2019

Und dann gab es noch andere Momente, die nicht mehr Träume waren, sondern eine Mischung von Wachen und Träumen, genau das, was man eine Halluzination nennt. In einem solchen Moment hatte er auf einmal die endgültige Antwort gefunden auf die oft gestellte Frage: „Warum steigt man auf die Berge?“ Um dem Gefängnis zu entrinnen.

Ludwig Hohl, Bergfahrt, 1978.

Weiter geht es nur allein

Weiter geht es nur allein, Uanna, 27.12.2019

Auf 2200 m Höhe im Naturpark Fanes-Sennes-Praies (Dolomiten) am 27.12.2019. Die Baumgrenze ist überschritten. Von jetzt ab gibt es nur noch Schnee und Fels auf den großartigen Wegen durch eine tief verschneite Landschaft. Die letzten Bäume über der Waldgrenze werden zu Wundern der Natur und in ihrer Vereinzelung zu Meistern der Ästhetik.

Die Wolken gehen in den Schnee über, der Schnee geht in die Wolken über, ich gehe dazwischen hinüber auf den einen Berg der keinen Namen hat.

Weiter geht es nur allein II, Uanna, 27.12.2019
Weiter geht es nur allein III, Uanna, 27.12.2019
Weiter geht es nur allein IV, Uanna, 26.12.2019

Aufstieg zwischen den Jahren

Ich laufe für 8 Tage in die Natur
Auf dem Weg zum Ju de Limo, 26.12.2019

Der Mensch muss wieder nach unten mit den Tieren, mit den Pflanzen, der Natur und nach oben mit den Engeln und Geistern in Beziehung treten.

Josef Beuys

Zwischen den Jahren beschreibt als Redewendung die Zeit zwischen Weihnachten und Silvester. Seit über 10 Jahren verbringe ich 5 – 6 von den „in between“ Tagen mit meiner Familie draußen in der Natur, meist in den Bergen, fernab von jedem Autoverkehr und ohne Funkverbindung. Ursprünglich umfasste der Zeitraum die Rauhnächte, auch die zwölf heiligen Nächte genannt. Diese liegen zwischen dem 21. Dezember, der Wintersonnenwende und dem 6. Januar. Sie stellen eine ganz besondere Zeit dar, nicht nur wegen dem christlichen Weihnachten. Bereits im Alten Ägypten wurde eine Zeit zwischen den Jahren mit Heriu-renpet benannt.

Der rechnerische Ursprung des „in between“ Zeitraums liegt im Unterschied zwischen der Jahreseinteilung nach Mond- und Sonnenkalender begründet. Zwischen beiden Zählweisen für ein Jahr liegt eine Differenz von zwölf Tagen, die Epagomene, wobei nach der Zählweise des Mondkalenders zwölf Tage zum astronomisch korrekten Sonnenumlauf in 365 Tagen fehlen. Eine rechnerisch astronomische Diskrepanz beendet die längste Dunkelheit mit einer Zwischenzeit zum inne halten.

Bis zur Kalenderreform durch Papst Gregor XIII. war der Beginn des neuen Jahres in weiten Teilen Europas der 6. Januar. Dieses Datum geht auf römische Bräuche und Verschiebungen des Kalenders zurück. Das Jahresende wurde dagegen traditionell am 24. Dezember begangen, so dass die Zeit bis Beginn des nächsten Jahres „zwischen den Jahren“ lag.

Es ist die Zeit dazwischen, die mich bewegt.

wer bist du?

wer bist du?

Die Idee zu diesem Projekt, das sich am Ende über 4 Jahre erstreckte, kam mir bei einem Stadtspaziergang mit meiner Kamera und dem Vorhaben, wieder in Schwarz-Weiss zu arbeiten. An einer Mauer stand mit Kreide gechrieben: Wer bist du? Ich hab den Text mit meiner Kamera aufgenommen und bin weiter gegangen. Das war es dann erst mal. Die Frage war im Kasten.

Nicht nur einer, dachte ich mir später, und mehr als zwei, noch später.

wer bist du?
wer bist du? wie denke ich einen gespiegelten kuss im weltraum der liebe?

Die Frage „wer bist du?“ bewegte mich. Und so begann ich zum ersten mal mit dem Arbeiten an Bildcollagen. Das Material waren viele Bilder. Mehr wird weniger. Ich warf alle meine Vorsätze von klaren, qualitativ hochwertigen Bildern über den Berg und verband meine eigenen Natur- und Architektur – Fotografien mit Bildern von Postkarten, Ausstellungskatalogen, Graffiti Zeichnungen, Akt, Zeitschriften und Internet Bildmaterial in zusammenfließenden Collagen zu einem was mehr als eins ist und in vielem eins bleibt. Auf der Suche nach einer sinnlichen Wahrnehmung in einem farblosen Raum mischte ich Bilder grenzenlos zusammen. Linien verbanden sich zu neuen Kompositionen zwischen Gothic, Heimatkitsch, Erotik und Naturaufnahmen. Jedes der hier gezeigten Bilder besteht aus mindestens 2 und manchmal bis zu 50 Bildern. vorwiegend in Schwarz Weiss, erst ab der Mitte des Projektes wagte ich mich an Farbe heran. Künstlerisch war für mich Gregory Crewdson mit „Beneath the Roses“ mein großes Vorbild. Als Amateurfotograf stehen mir nicht die Mittel zur Verfügung, die er hatte, um auch nur im Ansatz seine seelischen Kompositionen in einer abzubildenden Realität nachzuahmen. Um der Spur zu folgen, wählte ich den digital virtuellen Raum und das bildnerische Konzept der Collage. Bei der Ästhetik der Aktfotografie war für mich Bettina Reims mit ihrem Werk „Heroines“ das Vorbild.

wer bist du? maya am meer

Wer bist du? Ein sinnliches Wesen, das die Natur liebt bin ich allemal. Born to be wild in einer hypertechnischen Welt.

Wer bist du?“ neigte sich dem Ende entgegen, als die Farbe in die Collagen hineinfloss. Es war ein schöner Übergang. Nach knapp 4 Jahren Arbeit an diesem Werken spürte ich, nun ist es fertig. 62 der 64 Aufnahmen werden in der Diaschau mit der Musik von Lobo Loco (New Rooms New Places) gezeigt. Der Song passt meines erachtens perfekt.

wer bist du? elfentanz im bergwald

Ich danke allen Künstlern, deren Material, meist stark überarbeitet, in die Collagen mit einfloss, ob lebend oder schon lange verstorben, wie Goya, dessen Bilder ich als junger Mann im Museo del Prado in Madrid zum ersten mal sah und mich seit dem immer wieder bewegen. Diese Collagen sind ein Netzwerk des Überganges in ein kollektives Schaffen und das Einzelne löst sich je auf in ein Gemeinsames.

wer bist du? drei seelen und zwei schiffe an einer klippe über dem meer