Ein Buch ohne Ende

Ein Buch ohne Ende, Ostersee, Januar 2020

Zwischen zwei Bahnhöfen in Serpentinen über Wiesen, an Ufern und durch Wälder spaziert. Ungewöhnlich warm für diese Jahreszeit. Ich lass mir Zeit, schaue und warte auf das schönste Licht. Nur wenige Leute sind auf dem Weg. Dann mit dem Zug in die Dunkelheit zurück.

„Der Wald ist kein verschlossenes Buch, wohl aber ein Buch ohne Ende. Seine Sprache ist leicht verständlich, sie redet schlicht und warm zu unserm Herzen, wir brauchen ihr nur zu lauschen und das Herz nur offenzuhalten.“

Ludwig Ganghofer, Bergheimat, posthum 1933

Aus dem Nichts

Aus den Nichts, Ostersee, 16.1.2020

Rückkehr ist Taos Bewegnis

Schwachsein ist Taos Gepflegnis

Alle Wesen entstehen aus dem Sein

Das Sein entsteht aus dem Nichts

Tao Te King, Lao-Tse (um 350 v. Chr.)

Der weite Weg

Der weite Gipfel. Auf dem Weg zum Hischberg (1670 m) im Mangfallgebirge, Bayerische Voralpen.

Auf dem Weg auf den Berg denke ich über den Weg auf den Berg nach, und über die Weite, und es ist gut so, bis ich oben bin. Dann geht es wieder hinunter in das Tal ohne dass ich zurück denke.

Am 9.1.2020 auf den Hirschberg (1670 m) im Mangfallgebirge. Bei herrlichem Wetter ganz allein auf dem Gipfel. Ein ungewöhnlicher warmer Wintertag. Weit oben wird es ganz weit, ich kann es kaum glauben, auch wenn ich schon so oft hier war, es ist jedesmal neu.

Baumzweige im Schne. Auf dem Weg zum Hischberg (1670 m) im Mangfallgebirge, Bayerische Voralpen.

In Gmund am Tegernsee warte ich auf den Zug nach München. Wie anders sieht der Berg von hier unten aus. Ein freundlicher Autofahrer hat mich von der Bushaltestelle in Scharling hier her gebracht. Das kommt nur noch selten vor. Viel zu früh für den Zug, gehe ich hinab ans Seeufer. So ist es, wenn man wartet.

Ganz anders zeigt sich der Berg von hier. Der Hiscrhberg von Gmund am Tegernsee aus gesehen, 9.1.2020

Warum ich Philosophie studiere?

„Dschuang Dsi ging einst mit Hui Dsi spazieren am Ufer eines Flusses. Dschuang Dsi sprach: »Wie lustig die Forellen aus dem Wasser herausspringen! Das ist die Freude der Fische.« Hui Dsi sprach: »Ihr seid kein Fisch, wie wollt Ihr denn die Freude der Fische kennen?« Dschuang Dsi sprach: »Ihr seid nicht ich, wie könnt Ihr da wissen, dass ich die Freude der Fische nicht kenne?« Hui Dsi sprach: »Ich bin nicht Ihr, so kann ich Euch allerdings nicht erkennen. Nun seid Ihr aber sicher kein Fisch, und so ist es klar, dass Ihr nicht die Freude der Fische kennt.« Dschuang Dsi sprach: »Bitte laßt uns zum Ausgangspunkt zurückkehren! Ihr habt gesagt: Wie könnt Ihr denn die Freude der Fische erkennen? Dabei wußtet Ihr ganz gut, dass ich sie kenne, und fragtet mich dennoch. Ich erkenne die Freude der Fische aus meiner Freude beim Wandern am Fluß.


Zhuāngzǐ, * 365 v. Chr.; † 290 v. Chr.

Die Hälse werden im Gebirge frei

Conturines I, 30.12.2019

Die Hälse werden im Gebirge frei! Es ist ein Wunder, dass wir nicht singen.

Franz Kafka, Der Ausflug ins Gebirge, 1913

Alles bleibt zurück, wenn niemand mehr ist. Das Laufen in die Dunkelheit wird zum lichtenden Weg.

Alles bleibt zurück, wenn nichts mehr ist. Nur du, stiller Gefährte, mit lautlosen Spuren, folgst mir auf diesen steilen Wegen.

Hinauf und hinab, ich danke dir.

Warum steigt man auf die Berge

Durch das Valun Blanch zum Castello, 1.1.2020
Durch die Gran Fanes zum Col de Locia, 30.12.2019

Und dann gab es noch andere Momente, die nicht mehr Träume waren, sondern eine Mischung von Wachen und Träumen, genau das, was man eine Halluzination nennt. In einem solchen Moment hatte er auf einmal die endgültige Antwort gefunden auf die oft gestellte Frage: „Warum steigt man auf die Berge?“ Um dem Gefängnis zu entrinnen.

Ludwig Hohl, Bergfahrt, 1978.

Weiter geht es nur allein

Weiter geht es nur allein, Uanna, 27.12.2019

Auf 2200 m Höhe im Naturpark Fanes-Sennes-Praies (Dolomiten) am 27.12.2019. Die Baumgrenze ist überschritten. Von jetzt ab gibt es nur noch Schnee und Fels auf den großartigen Wegen durch eine tief verschneite Landschaft. Die letzten Bäume über der Waldgrenze werden zu Wundern der Natur und in ihrer Vereinzelung zu Meistern der Ästhetik.

Die Wolken gehen in den Schnee über, der Schnee geht in die Wolken über, ich gehe dazwischen hinüber auf den einen Berg der keinen Namen hat.

Weiter geht es nur allein II, Uanna, 27.12.2019
Weiter geht es nur allein III, Uanna, 27.12.2019
Weiter geht es nur allein IV, Uanna, 26.12.2019

Aufstieg zwischen den Jahren

Ich laufe für 8 Tage in die Natur
Auf dem Weg zum Ju de Limo, 26.12.2019

Der Mensch muss wieder nach unten mit den Tieren, mit den Pflanzen, der Natur und nach oben mit den Engeln und Geistern in Beziehung treten.

Josef Beuys

Zwischen den Jahren beschreibt als Redewendung die Zeit zwischen Weihnachten und Silvester. Seit über 10 Jahren verbringe ich 5 – 6 von den „in between“ Tagen mit meiner Familie draußen in der Natur, meist in den Bergen, fernab von jedem Autoverkehr und ohne Funkverbindung. Ursprünglich umfasste der Zeitraum die Rauhnächte, auch die zwölf heiligen Nächte genannt. Diese liegen zwischen dem 21. Dezember, der Wintersonnenwende und dem 6. Januar. Sie stellen eine ganz besondere Zeit dar, nicht nur wegen dem christlichen Weihnachten. Bereits im Alten Ägypten wurde eine Zeit zwischen den Jahren mit Heriu-renpet benannt.

Der rechnerische Ursprung des „in between“ Zeitraums liegt im Unterschied zwischen der Jahreseinteilung nach Mond- und Sonnenkalender begründet. Zwischen beiden Zählweisen für ein Jahr liegt eine Differenz von zwölf Tagen, die Epagomene, wobei nach der Zählweise des Mondkalenders zwölf Tage zum astronomisch korrekten Sonnenumlauf in 365 Tagen fehlen. Eine rechnerisch astronomische Diskrepanz beendet die längste Dunkelheit mit einer Zwischenzeit zum inne halten.

Bis zur Kalenderreform durch Papst Gregor XIII. war der Beginn des neuen Jahres in weiten Teilen Europas der 6. Januar. Dieses Datum geht auf römische Bräuche und Verschiebungen des Kalenders zurück. Das Jahresende wurde dagegen traditionell am 24. Dezember begangen, so dass die Zeit bis Beginn des nächsten Jahres „zwischen den Jahren“ lag.

Es ist die Zeit dazwischen, die mich bewegt.

wer bist du?

wer bist du?

Die Idee zu diesem Projekt, das sich am Ende über 4 Jahre erstreckte, kam mir bei einem Stadtspaziergang mit meiner Kamera und dem Vorhaben, wieder in Schwarz-Weiss zu arbeiten. An einer Mauer stand mit Kreide gechrieben: Wer bist du? Ich hab den Text mit meiner Kamera aufgenommen und bin weiter gegangen. Das war es dann erst mal. Die Frage war im Kasten.

Nicht nur einer, dachte ich mir später, und mehr als zwei, noch später.

wer bist du?
wer bist du? wie denke ich einen gespiegelten kuss im weltraum der liebe?

Die Frage „wer bist du?“ bewegte mich. Und so begann ich zum ersten mal mit dem Arbeiten an Bildcollagen. Das Material waren viele Bilder. Mehr wird weniger. Ich warf alle meine Vorsätze von klaren, qualitativ hochwertigen Bildern über den Berg und verband meine eigenen Natur- und Architektur – Fotografien mit Bildern von Postkarten, Ausstellungskatalogen, Graffiti Zeichnungen, Akt, Zeitschriften und Internet Bildmaterial in zusammenfließenden Collagen zu einem was mehr als eins ist und in vielem eins bleibt. Auf der Suche nach einer sinnlichen Wahrnehmung in einem farblosen Raum mischte ich Bilder grenzenlos zusammen. Linien verbanden sich zu neuen Kompositionen zwischen Gothic, Heimatkitsch, Erotik und Naturaufnahmen. Jedes der hier gezeigten Bilder besteht aus mindestens 2 und manchmal bis zu 50 Bildern. vorwiegend in Schwarz Weiss, erst ab der Mitte des Projektes wagte ich mich an Farbe heran. Künstlerisch war für mich Gregory Crewdson mit „Beneath the Roses“ mein großes Vorbild. Als Amateurfotograf stehen mir nicht die Mittel zur Verfügung, die er hatte, um auch nur im Ansatz seine seelischen Kompositionen in einer abzubildenden Realität nachzuahmen. Um der Spur zu folgen, wählte ich den digital virtuellen Raum und das bildnerische Konzept der Collage. Bei der Ästhetik der Aktfotografie war für mich Bettina Reims mit ihrem Werk „Heroines“ das Vorbild.

wer bist du? maya am meer

Wer bist du? Ein sinnliches Wesen, das die Natur liebt bin ich allemal. Born to be wild in einer hypertechnischen Welt.

Wer bist du?“ neigte sich dem Ende entgegen, als die Farbe in die Collagen hineinfloss. Es war ein schöner Übergang. Nach knapp 4 Jahren Arbeit an diesem Werken spürte ich, nun ist es fertig. 62 der 64 Aufnahmen werden in der Diaschau mit der Musik von Lobo Loco (New Rooms New Places) gezeigt. Der Song passt meines erachtens perfekt.

wer bist du? elfentanz im bergwald

Ich danke allen Künstlern, deren Material, meist stark überarbeitet, in die Collagen mit einfloss, ob lebend oder schon lange verstorben, wie Goya, dessen Bilder ich als junger Mann im Museo del Prado in Madrid zum ersten mal sah und mich seit dem immer wieder bewegen. Diese Collagen sind ein Netzwerk des Überganges in ein kollektives Schaffen und das Einzelne löst sich je auf in ein Gemeinsames.

wer bist du? drei seelen und zwei schiffe an einer klippe über dem meer

Eine Nacht auf einem kahlen Berg

Eine von nun fast 100 Nächten auf den Gipfeln der Alpen. Fangen wir mit einem beliebigen Datum an:

360 Grad Rundumblick auf dem Bichlbächler Jöchle (1943 m) mit Blick auf die Schafsköpfle (2135 m) und die Gartnerwand (2377 m)

16.10.2017 – Überschreitung der Gartner Wand (2377 m) im Lechtal Gebirge mit Biwak auf dem Gipfel. Die Wegsicherungen sind schon eingeholt für den kommenden Winter. Ich gehe ganz alleine und habe viel Zeit zum Schauen. In der Nacht drehe ich mich aus versehen auf meine Brille, die neben dem Biwak Sack lag. Der folgende Morgen und Weiterweg sind recht unscharf. Damals wusste ich noch nicht, das es bald mit dem sehen, auch mit Brille, viel schwieriger werden wird. Aber es geht noch gut genug um zu gehen …

… wenn wir es denn dürfen.

Sonnenaufgang auf der Gartnerwand (2377 m)

Geist und Kosmos

Was mich leitet, ist die Überzeugung, dass der Geist nicht bloß ein nachträglicher Einfall oder ein Zufall oder eine Zusatzausstattung ist, sondern ein grundlegender Aspekt der Natur.

Thomas Nagel, Geist und Kosmos, 2016

Die Natur schlägt die Augen auf.

Die Natur schlägt die Augen auf I, Schellschlicht (2052 m), Ammergebirge, 2016

Ein Versuch, etwas weiter zu denken.

Ich brauche „ein Verständnis, nach dem das Universum grundsätzlich dazu neigt, Leben und Geist zu erzeugen, wahrscheinlich eine sehr viel radikalere Abkehr von den vertrauten Formen naturalistischer Erklärung verlangen wird, als ich sie mir gegenwärtig vorzustellen vermag.“ Thomas Nagel, Geist und Kosmos, 2016

Die Natur schlägt die Augen auf II, Schellschlicht (2052 m), Ammergebirge, 2016

Die Biologie kann ohne diesen Geist die Welt nicht wirklich erklären.

Die Natur schlägt die Augen auf III, Schellschlicht (2052 m), Ammergebirge, 2016

Und noch weniger kann die Biologie ohne diesen Geist erklären, warum wir die Natur lieben.

Die Natur schlägt die Augen auf IV, Auf dem Weg ins Tal, Ammergebirge, 2016

Ist es nicht, dass

„das Universum allmählich erwacht und sich seiner selbst bewusst wird“.

Thomas Nagel, Geist und Kosmos, 2016.

Und wir sind es, die mit der Natur die Augen aufschlagen.

Es dämmert.

Ich steige nach einer langen Nacht

mit behutsamen Schritten

hinunter

in den Tag

zu den Flüssen im Tal

Die Natur schlägt die Augen auf V, Unten am Fluss, Ammergebirge, 2016

Weitere Bilder von Nächten im Ammergebirge findest du auch unter Das Ammergebirge im schönsten Licht.