Föhnsturm

Vom Spitzing Sattel über den Schönfeldkopf zur Rotwand.

»Wenn jedes Werkzeug auf Geheiß oder auch vorausahnend das ihm zukommende Werk verrichten könnte, wie des Dädalus Kunstwerke sich von selbst bewegten, oder die Dreifüße des Hephästus aus eigenem Antrieb an die heilige Arbeit gingen, wenn so die Webeschiffe von selbst webten, so bedürfte es weder für den Werkmeister der Gehilfen noch für die Herren der Sklaven.« Der Traum des Aristotels ist heute Wirklichkeit geworden. Unsere Maschinen verrichten feurigen Atems, mit stählernen, unermüdlichen Gliedern, mit wunderbarer, unerschöpflicher Zeugungskraft, gelehrig und von selbst ihre heilige Arbeit und doch bleibt der Geist der großen Philosophen des Kapitalismus nach wie vor beherrscht vom Vorurteil des Lohnsystems, der schlimmsten aller Sklavereien. Sie begreifen noch nicht, dass die Maschine der Erlöser der Menscheit ist, der Gott, der den Menschen von den „sordidae artes“ und der Lohnarbeit loskaufen, der Gott, der ihnen Muße und Freiheit bringen wird.

Paul Lafargue: Das Recht auf Faulheit. Schweizerische Genossenschaftsbuchdruckerei, Hottingen-Zürich 1884, Seite 30.

Das Recht auf Faulheit. Wieviel Arbeit braucht der Mensch? Wenn eine Familie mehr als 40 Stunden Lohnarbeit verrichten muss, wurde sie unter dem Namen der Gleichberechtigung klammheimlich hintergangen.

Mit weniger Arbeit haben wir mehr Zeit uns langsamer fortzubewegen. Das Auto endgültig vom Dientsplan des Alltäglichen streichen. Es kehrt Ruhe in den Städten ein. Und wir müssen weniger vom Lärm fliehen.

Der Parkplatz am Spitzumngsattel ist halb voll, an einem Wochentag, kein sonniger Herbstag. Die Herausforderung der Zukunft ist, unsere Ressourcen nachhaltig einzusetzen, nicht schneller und mehr, sondern langsam und weniger, mit der Bahn statt mit dem Auto. Können wir umdenken lernen? Und dann anders handeln?

Weg zur Gindelam

Übergang

Bäume in den Jahren stehen

ganz kunstvoll, am Berghang

der Wanderer natürlich

er geht seines Weges

führt hinüber, in stillen Gedanken zu sich

mit jedem Schritt, vertraut

wird es mehr, sein Leben

ein Übergang der Zeit

Mangfallblau

Naturspiel am Mangfall zwischen Flussverbauung und Papiermühlen.

Blätter auf Kalk, zerbrechlich wie Büttenpapier, auf dem Weg zur Ewigkeit.

Flora

Lehre mich selbst, wer du bist, denn es trügt der Menschen Vermuten.

Was dein Name besagt, kündest am besten du selbst!

So war mein Gruß, und so gab die Göttin dem Fragenden Antwort;

Während sie redet, enthaucht Rosen des Frühlings ihr Mund:

„Chloris hieß ich dereinst, doch jetzt Flora – lateinische Sprechart

Hat aus dem griechischen Laut so mir den Namen entstellt ,

Chloris, die Nymphe der Flur, der frohen, wo selige Tage,

Wenn du die Sage vernahmst, früher die Menschen verbracht.

Welche Gestalt ich besaß, fällt schwer der Bescheidnen zu sagen“

Schließlich bin ich es, die wirkt, wenn in den Jahren der Jugend

Übersprudelt der Geist, kraftvoll der Körper erblüht!

Oftmals hab‘ ich versucht, die verschiedenen Farben zu zählen

Ohne Erfolg, denn zu klein war für die Fülle die Zahl!

Flora: Aus 150 Bilder ausgewählt für ein Buch mit 76 Seiten. Auf Original Fotopapier abgelichtet. Jedes Exemplar ist ein Einzelstück.

Flora

Alle Texte aus den Fasti von Ovid (*März 43 v. Chr. in Sulmo; † um 17 n. Chr. in Tomis), Fünftes Buch, für den Monat Mai.

Die Weite vor den Bergen

Im Zeichen der Ebene und des Himmels.

360 Grad Rundumblicke – Oberbayerische Moorlandschaft: Loisach I, 260 x 60 cm, 2018

Zum verrückt werden schön ist es doch, wenn sich Gegensätze zusammen tun. Nirgendwo habe ich diese Zusamentreffen so schön gesehen wie in den Mooren vor den Bayerischen Bergen. Verschwindend kleine Flächen für große Wahrnehmung von Natur wie sie noch ist.

360 Grad Rundumblicke – Oberbayerische Moorlandschaften: Das Waasenmoos I, 260 x 60 cm, 2018

„Woran unsere Väter in geschlossenem Reisewagen, ungeduldig und von Langeweile geprägt, vorüberfuhren, das brauchen wir. Wo sie den Mund auftaten, um zu gähnen, da tun wir die Augen auf, um zu schauen, denn wir leben im Zeichen der Ebene und des Himmels. Das sind zwei Worte, aber sie umfassen eigentlich ein einzige Erlebnis: die Ebene. Die Ebene ist das Gefühl, in dem wir wachsen.“

Rainer Maria Rilke, Worpswede
360 Grad Rundumblicke – Oberbayerische Moorlandschaften: Das Waasenmoos II, 260 x 60 cm, 2018

„Birken, Birken, Kiefern und alte Weiden. Schönes braunes Moor, köstliches Braun! Die Kanäle mit den schwarzen Spiegelungen, asphaltschwarz … es ist ein Wunderland, ein Götterland. Ich habe Mitleid mit diesem schönen Stück Erde, seine Bewohner wissen nicht, wie schön es ist…. wenn das Malen nicht wäre?!“

Paula Modersohn-Becker
360 Grad Rundumblicke – Oberbayerische Moorlandschaften: Murnauer Moos I, 260 x 80 cm, 2018
360 Grad Rundumblicke – Oberbayerische Moorlandschaften: Murnauer Moos II, 260 x 60 cm, 2018

Der Ausflug ins Gebirge

Es war niemand dort oben I, Rotwand (1834 m), Mangfallgebirge, November 2019

»Ich weiß nicht«, rief ich ohne Klang, »ich weiß ja nicht. Wenn niemand kommt, dann kommt eben niemand. Ich habe niemandem etwas Böses getan, niemand hat mir etwas Böses getan, niemand aber will mir helfen. Lauter niemand. Aber so ist es doch nicht. Nur daß mir niemand hilft -, sonst wäre lauter Niemand hübsch. Ich würde ganz gern — warum denn nicht — einen Ausflug mit einer Gesellschaft von lauter Niemand machen. Natürlich ins Gebirge, wohin denn sonst? Wie sich diese Niemand aneinanderdringen, diese vielen quergestreckten und eingehängten Arme, diese vielen Füße, durch winzige Schritte getrennt! Versteht sich, daß alle in Frack sind. Wir gehen so lala, der Wind fährt durch die Lücken, die wir und unsere Gliedmaßen offen lassen. Die Hälse werden im Gebirge frei! Es ist ein Wunder, daß wir nicht singen.«

Franz Kafka, Der Ausflug ins Gebirge
Es war niemand dort oben II, Rotwand (1834 m), Mangfallgebirge, November 2019

Schlechtes Wetter gibt es nicht

Seltene Eisnadeln nach Sturmtief in zu warmem Winter, Neureuth, Februar 2020

Wie oft bin ich nun schon auf den Neureuth gestiegen? Ich weiss es nicht. Vielleicht 50 mal, wann immer die Arbeit keine Tagestour zuließ ging es zum Kaffee und Kuchen hier hinauf, für ein paar Stunden mit Zug und Fuß von München nach Gmund, der Neureuth und dann wieder hinab zum Tegernsee, zurück ins Büro. Und natürlich nur, wenn das Wetter nicht zu viel Sonne versprach, sonst wird es hier oben leicht etwas eng. So auch diesmal, das Sturmtief Sabine vergönnt sich eine Atempause. Ich brauch Luft zum Atmen. Nasser Schnee drückt die Zweige nieder, und umklammert die Stämme bis tief in den Wald hinein. Es gibt viel zu sehen, manches gar neu und noch nie so wahrgenommen. Es gibt immer etwas zu entdecken. Ich bin selbst erstaunt, immer wieder, auch diese Einsicht. Deshalb bin ich hier. Die eigenen Blicke verkleiden sich kunstvoll in neue Sichtweisen. Es tut einfach nur gut.

Schnee bis tief in den umgestürtzten Wald hinein, Neureuth, Februar 2020

Pathos München – Episode I

Kunst und Natur in der Wildnis Stadt.

Wanderung in einem Übergangsort.

Ordnungskräfte einer ganz anderen Art bestimmen den Weg auf einer Fläche, deren Zukunft bereits zu Ende geht. Jeder menschliche Beitrag ist von Anfang an vergänglich und gleicht sich dem konventionellen Nicht – Wert von Natur an. Kunst, die für kein Museum bestimmt ist, keinen Sammlerwert darstellt, kein Künstlerhaus am Leonrodplatz finden wird. Sie entsteht und vergeht zuzsammen mit wilden Samen, die den Boden aufbrechen. Bildungsversuche einer etwas anderen Ästhetik. Blattlose Zweige sind die einzigen Zeugen an einem kalten Februar morgen. Es ist mir kalt. Bald werde ich unterkühlt nach hause gehen. Die Kamera in der Hand. Etwas bewegt mich. Es war ein ungeplanter Versuch und ich frage mich, was ist das, was mich an diesem Ort berührt. Die Liebe zur Natur ist auch hier zu Hause. Wie kann das sein? Ist es das nicht untergehen wollen? Die wilde Nähe von Kultur und Natur jenseits der Ordnung für alles andere was nicht lebt.

Ein Buch ohne Ende

Ein Buch ohne Ende, Ostersee, Januar 2020

Zwischen zwei Bahnhöfen in Serpentinen über Wiesen, an Ufern und durch Wälder spaziert. Ungewöhnlich warm für diese Jahreszeit. Ich lass mir Zeit, schaue und warte auf das schönste Licht. Nur wenige Leute sind auf dem Weg. Dann mit dem Zug in die Dunkelheit zurück.

„Der Wald ist kein verschlossenes Buch, wohl aber ein Buch ohne Ende. Seine Sprache ist leicht verständlich, sie redet schlicht und warm zu unserm Herzen, wir brauchen ihr nur zu lauschen und das Herz nur offenzuhalten.“

Ludwig Ganghofer, Bergheimat, posthum 1933